AN(ge)DACHT

„Wenn möglich, bitte wenden!“

Jeder, der ein Navigationsgerät im Auto hat, hat diesen Satz schon gehört. Im ersten Moment ärgert man sich – über sich selbst, weil man nicht aufgepasst hat, über die unübersichtliche Verkehrslage, die einen in die Irre geführt hat, über die Zeit, die man auf der falschen Fährte verloren hat. Aber letztendlich ist man doch froh, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird: „So kommst Du nicht zu Deinem Ziel! Du musst umkehren!“

Was beim Autofahren überschaubare Dimensionen hat, bekommt im Monatsspruch für den Dezember eine ganz andere Qualität. Dort heißt es:

„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“
(Mt 3,2)

Das ist die Antrittspredigt Johannes des Täufers. Sie klingt so ähnlich wie der Hinweis aus dem Navi: „Wenn möglich, bitte wenden!“ Nur dass die höfliche Einschränkung: „Wenn möglich“ fehlt. Johannes der Täufer war kein Mann der Floskeln und Etiketten. Für Unverbindlichkeiten hat seine Botschaft keinen Platz. Dafür ist ihm zu wichtig, was er zu sagen hat: „Es ist Zeit! Gott steht vor der Tür.“ Daher die Dringlichkeit. Hier geht es ums Ganze.

Vielleicht ist die Einschränkung „Wenn möglich“ aber auch überhaupt nicht nötig, und Johannes will einfach sagen: „Wenden ist möglich, weil das Himmelreich nahe ist. Gott ist Euch auf der Spur um Euch zu suchen wie eine Mutter ihr Kind, das im Begriff ist, sich zu verlaufen.“ Wir können wenden, umkehren, weil das, was wir vor uns suchen, hinter uns her ist: Der Himmel, das Leben, das Glück. Gott ist uns auf der Spur und lässt uns rufen: „Lauf nicht weg! Ich bin doch längst da!“

Wir müssen aufpassen, dass wir seine Botschaft in dem atemberaubenden Tempo, mit dem wir leben, nicht abhängen. Wie möglich ist es uns denn, tatsächlich umzukehren? Im Weg steht der eigene Trotz und der Stolz. Es ist so schwer, sich einzugestehen, dass man den falschen Weg eingeschlagen hat. Es ist so schwer, eine Fehlentscheidung zu korrigieren und nicht aus lauter Sturheit einfach weiterzumachen. Es ist so schwer, aus eingefahrenen Gleisen auszubrechen. Es läuft eben, und wir machen immer so weiter.

„Nein“, sagt Gott. „Kehrt um!“ Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht, heißt wörtlich übersetzt: „Ändert Euren Sinn!“ Umkehr beginnt im Kopf. Mit unseren Gedanken, unseren Einstellungen, unserer Gesinnung. Das ist Arbeit. Da muss man dran bleiben. Aber es lohnt sich. Denn wenn Gott uns zur Umkehr rufen lässt, dann heißt das eben auch: Wir dürfen noch einmal neu anfangen. Vielleicht kleiner, bescheidener, aber dafür auf andere Weise auch reicher.

Ich habe die Befürchtung, dass wir nichts gelernt haben aus den Krisen der letzten Jahre. Die Schwarzmaler haben anscheinend mal wieder alles übertrieben. Am Ende wird’s doch nie so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. Bis wir das nächste Mal auf die Nase fallen. Bis der nächste Markteinbruch kommt, weil an den Ursachen nichts getan wurde. Mehr denn je sichern wir unseren Wohlstand mit einer unglaublichen Hypothek auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel – finanziell und ökologisch. Irgendwann wird es heißen: „Achtung! Keine Wendemöglichkeit!“

Noch ist Umkehr möglich. Weil Gott mit seiner Welt noch mal neu angefangen hat, von klein auf, ganz bescheiden, mit dem Kind, dessen Geburt wir Weihnachten feiern. Adventszeit ist darum Zeit, umzukehren. Auf einen Weg, der Zukunft hat. In diesem Sinne wünsche ich uns eine gesegnete, wende-wirksame Advents- und Weihnachtszeit!

Ihr

Pfarrer Timm Harder